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Ruine № L

concrete, granite, oak, terracotta vase, bench
Skulpturen-Triennale Bingen, 2017

295 x 600 x 500 cm

Auf die Herkunft der Ruine verweist das Schild, das einen Screenshot der Webseite des Discounters Lidl zeigt, über den die „EHL Ruine klein mit Fenster inkl. Sitzbank“ erwor­ben wurde. „Gestalten Sie Ihren eigenen antiken Rückzugs­ort und schaffen Sie ein Flair aus der Antike. Die rustikale Optik des Antikmur­Mauerblöcke lässt sich nahezu in jede Garten­ und Landschaftsgestaltung integrieren und verbin­det sich harmonisch mit dem Umfeld.“ verspricht der Text.

Durch die Platzierung der Arbeit erschafft Lohmüller in der Tradition von Marcel Duchamp ein „assisted ready­made“, denn die Ruine wird nicht an dem für sie vorgesehenen Aufstellungsort des privaten Gartens, sondern als Skulptur im Kontext einer Kunstausstellung eingesetzt. Der Leichtigkeit des einen Klicks zur Bestellung und der Körper­losigkeit des Internet steht dabei die voluminöse Masse des gelieferten Materials gegenüber, das über 3 Tonnen wiegt. Im Kontext der Entstehung dieser Arbeit kommentiert Loh­müller die Haltung, für das eigene Zuhause und im Alltag zu sparen, aber großzügig zu verreisen. So hat der Künstler mit Blick auf das Ausstellungsbudget durch den Ankauf der „preiswerten“ Ruine Geld gespart, das er im Anschluss für eine Griechenland­ Reise ausgeben kann, die es ihm ermöglicht, vor Ort „echte“ antike Ruinen zu betrachten. Griechenland verkörpert dabei von Deutschland aus betrachtet sinnfällig die Dualität des Ausstellungsthemas von „Nah und fern“. Während die griechische Kunst und Kultur als Grundlage des westlichen Europas und somit als „nah“ gilt, wird die wirtschaftliche Situation des Landes durchaus als „fern“ wahrgenommen und bewertet. Indem Lohmüller mit dem eingesparten Geld nach Griechen­land reisen wird, greift er in die Geldströme ein und leistet seinen Beitrag zur Unterstützung Griechenlands in der Wirt­schaftskrise.

Bauwerke, die nie fertiggestellt oder bezogen wurden, spielen schon seit längerem eine wichtige Rolle im Schaffen Lohmüllers. In der Verortung seines Ready­made zwischen „natürlicher“ und „künstlicher“ Ruine nimmt Lohmüller Be­zug auf Robert Smithsons „ruins in reverse“, die der ame­rikanische Künstler 1967 bei einem Auszug in die verlassene Vorstadtlandschaft New Jerseys nahe New York gefunden hatte. Smithson bezeichnete die teil bereits abgebrochenen Bauprojekte als das Gegenteil der „romantischen Ruine“, da jene nicht nach der Fertigstellung zu Ruinen werden, sondern schon während ihrer Erbauung. Mit Smithsons Ver­ständnis gehen ebenso die auf dem Schild abgedruckten Seiten aus W.G. Sebalds 2001 erschienen Roman „Austerlitz“ einher, in dem die Auseinandersetzung der beiden Prota­gonisten mit Architektur eine wichtige Rolle spielt. Die von Lohmüller ausgewählten Zitate beziehen sich auf Festungs­bauwerke und die Beobachtung, dass diese durch die schnelle Weiterentwicklung der Waffen meist schon zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung überholt sind. Ein Vertei­digungsbauwerk einer bestimmten Größe wirft also schon den Schatten der eigenen Zerstörung vor sich hin.

Auszug aus dem Katalog "Nah und Fern", Britta von Campenhausen 2017